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Rede des Schulleiters zur Abiturentlassung 2003
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Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, Verwandte, Freunde,
Kollegen und Gäste,
Mathematik und Physik gehören zu denjenigen Fächern, deren
Schönheit und Reiz sich vielen Schülern nur mühsam
erschließt. Eine Möglichkeit, Interesse für sie zu wecken, sind
die Anekdoten, die sich um viele berühmte Mathematiker und
Naturwissenschaftler ranken, etwa um Archimedes, der, in seine Zeichnungen
vertieft, sagte: „Störe meine Kreise nicht“ und daraufhin
prompt von einem römischen Soldaten erschlagen wurde, der vermutlich auch
keine guten Erinnerungen an die Mathematik in der Schule hatte. Derselbe
Archimedes soll ja nicht nur aus der Badewanne gesprungen und unter begeisterten
„Heureka“-Rufen splitternackt durch die Stadt nach Hause gerannt
sein, als er das Gesetz des Auftriebs gefunden hatte, sondern anlässlich
der Entdeckung des Hebelgesetzes auch gesagt haben:
[griechische Originalfassung des Zitates aus Schriftsetzungsgründen entfernt - Der Webmaster]
(Dos moi, pou sto, kai kino tän gän),
oder zu deutsch: „Gib mir einen Platz, wo ich stehen kann, und ich
bewege die Erde“, ein Satz, mit dem er bildhaft deutlich machen wollte,
dass man mit einem stabilen Auflagepunkt und einem hinreichend langen und
bruchfesten Hebel jede beliebige Masse bewegen kann. Vermutlich ohne dass
Archimedes es gemeint oder geahnt hat, lässt sich sein Satz aber auch ganz
anders lesen: „Gib mir einen Platz, wo ich stehen kann, und ich bewege die
Erde.“
„Gib mir einen Platz“ – das ist ein Imperativ, eine
Aufforderung, die sich an alle richtet. Wir alle, unsere Gesellschaft ist
aufgefordert, euch einen Platz zu geben, jedem einen Platz zu geben, wo er
stehen kann. Es ist ein Gradmesser für die Menschenwürdigkeit einer
Gesellschaft, dass jede und jeder, ausnahmslos jede und jeder in ihr einen
Platz, seinen Platz finden kann, einen Platz, an dem er oder sie sich das
Mindestmaß an Achtung und Anerkennung erwerben kann, auf das jeder Mensch
einen Anspruch hat. Das beginnt für euch mit einem Studienplatz, einem
Ausbildungsplatz, es setzt sich fort mit einer Wohnung, einem Arbeitsplatz,
ei-nem Platz im Krankenhaus, wenn man ihn braucht, bis hin zu einem Platz, an
dem man in Würde alt werden und sterben kann. Solange wir das nicht
schaffen, dass jeder seinen Platz erhält, ist unsere Gesellschaft nicht da,
wo sie sein sollte. Wenn ihr, etwa bei der Bewerbung um einen Studienplatz,
einen Ausbildungsplatz oder einen Arbeitsplatz einmal selbst erfahren habt oder
noch erfahren werdet, wie bitter es ist, keinen Platz finden zu können,
dann erinnert euch später daran, wenn ihr im Warmen sitzt. Nach dem Motto
zu leben: „Gott sei Dank, ich habe mein sicheres Plätzchen, sollen
die anderen sehen, wo sie bleiben“ – das kann vielleicht einmal
für den Einzelnen gut gehen, aber es ist nicht nur hochriskant, es ist
etwas, das sich nicht mit gutem Gewissen tun lässt. Ausgrenzen ist kein
Weg, der irgendwohin führt. Unsere Gesellschaft muss vielmehr fähig
sein, jedem einen Platz in ihrer Mitte einzuräumen. Man nennt das
Gemeinsinn oder auch Solidarität.
„Gib mir einen Platz“ – das ist eine Forde-rung, die ihr
mit Recht stellen könnt, die wir aber auch dann hören müssen,
wenn andere sie an uns stellen, auch wenn es uns unbequem ist, weil es bedeutet,
dass wir unseren Egoismus und unsere Trägheit überwinden und die
Zivilcourage aufbringen müssen, die es erfordert, sich für andere
einzusetzen.
Und damit bin ich beim zweiten Teil unseres Satzes: „einen Platz, an
dem ich stehen kann“. Damit ist nicht der billige Stehplatz gemeint, auch
nicht die soziale Hängematte, sondern ein Platz, an dem ich aufrecht stehen
kann, mit erhobenem Kopf, nicht mit gebeugtem Rückgrat.
Einen solchen Platz bekommt man nicht geschenkt, den muss man sich erobern.
Es sind reichlich Plätze im Angebot, auf denen man sich bücken muss,
wo man nur „ja und amen“ sagen kann und nicht auch „nein,
danke“, Plätze, die eher einen krummen Rücken verlangen als den
aufrechten Gang. Aufrecht stehen braucht Mut. Man exponiert sich, setzt sich
Angriffen aus, der Kritik und dem Widerstand. Das sind nicht die bequemen
Plätze hinter dem Ofen, die Zuschauerplätze, wo man sich
gemütlich ein Bierchen aufmacht und kluge Sprüche loslässt, aber
sonst nichts tut. Davon gibt es viele. Es sind die Plätze, von denen aus
man zusieht, wie ein jüngerer Mitschüler, wie eine Frau, wie jemand,
der ausländisch aussieht, dumm angemacht wird, und sich duckt und wegsieht,
anstatt wenigstens Hilfe zu holen, wenn man schon nicht einzugreifen wagt. Keine
guten Plätze. Wenn es darum geht, stehen zu bleiben, wenn andere wegrennen,
seine Frau oder seinen Mann zu stehen, sind die Plätze oft verwaist, und
das ist schade. Denn der Platz, an dem man aufrecht steht, ist der Platz, von
dem aus man den Überblick hat, von dem aus man etwas in Bewegung setzen
kann.
Denn das ist die Schlussfolgerung im Satz des Archimedes: „und ich
werde die Erde bewegen.“ Was für eine Herausforderung! Wer seinen
Platz gefunden hat, wer aufrecht und sicher steht, der kann etwas bewegen, kann
mit seiner Haltung Beispiel und Vorbild sein, kann Einfluss ausüben, kann
Fortschritte bewirken, Dinge zum Besseren wenden. Ob viel oder wenig, spielt
keine Rolle. Es muss nicht gleich die ganze Erde auf einmal sein – jede
Tat hat ihre Wirkung, der Schmetterling in China löst am anderen Ende der
Welt einen Wirbelsturm aus, alles, was ich hier und jetzt tue, hat Einfluss auf
das Ganze. Entscheidend ist, dass ich, so viel in meinen Kräften steht,
diese Welt ein klein wenig besser zurücklasse, als ich sie vorgefunden
habe. Dazu kommt es nicht in erster Linie auf die hohe Stellung und die Macht
des Amtes an, sondern auf die ganz persönliche Haltung, die Art des Umgangs
mit dem Mitmenschen, den aufrechten Gang, die Zivilcourage, die
Solidarität. Keiner von uns kann sicher wissen, was er letzten Endes
tatsächlich verursacht hat. Aber es gibt unendlich viele Beispiele
dafür, dass die zufälligste Begegnung, der nach außen hin
unbedeutendste Mensch dem Leben eines anderen Menschen eine ganz neue Richtung
geben kann. Deshalb sollte niemand je sagen: „Ich kann ja doch nichts
ändern.“ Du kannst etwas ändern. Sei ein Vorbild --– und
du wirst die Erde bewegen.
„Gib mir einen Platz, wo ich stehen kann, und ich bewege die
Erde.“ Liebe Abiturientinnen und Abiturienten: Die Gesellschaft hat die
Aufgabe, einen Platz für euch bereit zu halten. Ihr habt die Aufgabe, euren
Platz zu finden. Die Schule hat die Aufgabe, euch dafür vorzubereiten, so
gut sie kann. Unser Ziel ist es, diese Schule zu einem Ort zu machen, wo jede
und jeder erfahren kann, wie es ist, einen Platz zu haben, aufrecht stehen und
etwas bewegen zu können. Wir sind noch lange nicht an diesem Ziel
angekommen. Wenn ihr in eurer Zeit am Vogelsang etwas davon erfahren habt,
vergesst es nicht. Wenn ihr etwas davon vermisst habt, erinnert euch daran und
macht es besser. Ich wünsche mir, dass ihr alle euren Platz im Leben
findet, an dem ihr aufrecht stehen könnt, und dass ihr die Erde bewegt.
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